Und – was macht dein Stresslevel so? Entstehung und Konsequenzen von Stress aus Sicht des ZNS

02 Okt

Wenn wir an Stress denken, denken wir in der Regel an psychosozialen Stress: hohe Arbeitsbelastung, soziale Beziehungen, Zeitdruck, Versagensängste, Geldmangel, zu große Verantwortung etc. – Faktoren, die sich nachweislich auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit auswirken, aber nur einen Teil des Gesamtbildes des körperlichen Stresslevels beschreiben. Stressfaktoren können alle Ereignisse und Informationen sein, die unser Zentrales Nervensystem als potentielle Bedrohung einstuft. Unser ZNS versucht vorrangig das Überleben zu sichern und dazu berücksichtigt es neben psychosozialen Faktoren auch die Menge und Qualität folgender:

  • Visuelle Fertigkeiten – wie gut sehe ich meine Umwelt und wie sicher kann ich mich entsprechend in ihr bewegen ohne Risiken für meine eigene Gesundheit einzugehen?
  • Bewegungsfertigkeiten – wie gut und sicher ist meine Bewegungskontrolle in meiner aktuellen Situation?
  • Gleichgewicht – wo befinde ich mich im Raum und kann ich meinen Körper stabilisieren? (Bsp.: Stürzen ist keine guter Überlebensplan)
  • Ernährung – bekommt mein Körper alle Nährstoffe, die er benötigt, regelmäßig und ausreichend?
  • Schlaf – der wichtigste Teil der Regeneration – gebe ich meinem Körper ausreichend Zeit sich von den Eindrücken und Reizen des Alltags zu erholen, um am nächsten Tag wieder leistungsfähig zu sein?
  • Atmung – wie gut ist meine Sauerstoffversorgung?
  • Widersprechen sich möglicherweise Informationen aus meinem visuellen Systems, meinem Gleichgewichts und meinem Bewegungssystem? Bsp.: das Gleichgewicht meldet möglicherweise Bewegung, wohingegen die Augen keinerlei Bewegungsinformationen liefern – in einem solchen Fall ist die Situation unklar und demnach aus Sicht des ZNS gefährlich!

Auf Basis all dieser Faktoren wertet das ZNS non-stop 24/7 Informationen aus, um in einem ersten Schritt die „Gesamtbedrohungslage“ zu beurteilen und uns in einem möglichen zweiten Schritt ein Aktionssignal wahrnehmen zu lassen. Das Signal soll uns dazu bewegen, die als potentiell bedrohlich eingestufte Situation zu verändern, da das ZNS nur auf diese Weise mit uns kommunizieren kann. Welche Faktoren das ZNS als möglicherweise bedrohlich einstuft, hat dabei nicht viel mit unserem rationalen Bewusstsein von Bedrohungen zu tun – die o.g. Faktoren werden immer zuerst in bestimmten unterbewussten Hirnarealen verarbeitet, bevor sie möglicherweise die Bewusstseinsebene des Menschen in Form eines Aktionssignals erreichen.

Ein sehr wirksames und weit verbreitetes Aktionssignal unseres ZNS ist Schmerz. Weitere Aktionssignale sind:

  • Migräne
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • See- und Reisekrankheit
  • Reizdarm
  • Emotionale Reaktionen
  • Antriebslosigkeit
  • Chronisch hoher Muskeltonus
  • Einschränkungen des motorischen Outputs – das ZNS lässt Bewegungen, die möglicherweise gefährlich sind, präventiv nicht zu. Bsp.: wird eine tiefe Kniebeuge als potentiell bedrohlich eingestuft, wird diese Bewegung so lange nicht im vollen Maße möglich sein, bis sie vom ZNS wieder als sicher beurteilt werden kann.

Zur Visualisierung dieser Prozesse eignet sich der sogenannte „Threat-Bucket“ („Gefahreneimer“), da er neben den eingehenden Informationen auch die möglichen Konsequenzen hervorragend darstellt. Steigt der Wasserstand des Eimers – also die Gesamtmenge aller möglichen bedrohlichen Faktoren – läuft der Eimer an einem gewissen Punkt über und uns unser ZNS möchte uns über ein Aktionssignal zu einer Veränderung der Situation zwingen.

Quelle: Lienhard, L. & Schmid-Fetzer, U. (2018): Neuroathletiktraining. Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings. München: Pflaum Verlag.

Die Faktoren, die den Eimer voller werden lassen und letzten Endes zu körperlichen Beschwerden und Einschränkungen führen können, sind zwar in ihrer Art sehr unterschiedlich – interessant ist jedoch, dass der allgemeine Pegel des Eimers durch eine Verbesserung jeglicher eingehender Faktoren gesenkt werden kann (bspw. durch Training, aktive Regeneration und besseren Schlaf). Denn: befindet sich ein Großteil der eingehenden Faktoren aus Sicht des ZNS in einem guten und sicheren Bereich, ist der Pegel des Eimers niedrig und die Notwendigkeit eines Aktionssignals sinkt. Verschlechtert sich die „Bedrohungslage“ aufgrund von bspw. steigender Arbeitsbelastung, Schlafmangel, Bewegungsmangel, sozialem Stress usw., steigt die Wahrscheinlichkeit eines negativen Signals durch unser ZNS. Schmerzen, Migräne und Übelkeit werden selten durch nur ein Ereignis auslöst und sind häufig nicht kausal einer Ursache zuzuordnen.

Zur Reduktion unseres Stresspegels bzw. zum Leeren unseres „Threat-Bucket“ ist die aktive Regeneration im Alltag ein entscheidender Faktor.

Quellen:

Bulter, D. & Mosley, L. (2016): Schmerzen verstehen (3. Auflage). Berlin: Springer Verlag.
Cobb, W. E. (2016): Certification Workbook – Z-Health T-Phase 6.0.
Cobb, W. E. (2016): The Threat-Bucket. Wrestling with your fitness clients brains. Zugriff am 19.09.2018 unter: https://www.youtube.com/watch?v=oWbPbYE6XPc
Garland, E. (2013): Pain Processing in the Human Nervous System: A Selective Review of Nociceptive and Biobehavioral Pathways. Zugriff am 19.09.2018 unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3438523/.
Lienhard, L. & Schmid-Fetzer, U. (2018): Neuroathletiktraining. Grundlagen und Praxis des neurozentrierten Trainings. München: Pflaum Verlag.
Louw, A. (2013): Why do I hurt? Neuroscience education for patients in pain. Minneapolis: OPTP.
Melzack, R. (2001): Pain and the neuromatrix in the brain. Zugriff am 19.09.2018 unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11780656
Rohmer, S. (2013): Stress. Die Geschichte eines westlichen Konzepts. Zugriff am 01.10.2018 unter: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18468/1/Dissertation%20Rohmer%20final.pdf
Z-Health Performance: Explaining Pain: The Neuroscience of Pain-Free Training. Zugriff am 19.09.2018 unter: http://www.zhealth.net/articles/explaining-pain