Beweglichkeitstraining – einer der am meisten missverstandenen Bereiche im Sport: Teil I: Struktureller vs. neurophysiologischer Ansatz

15 Nov

Jedes Training sollte grundsätzlich auf ein spezifisches Ziel ausgerichtet sein, da der Körper sich immer genau an die Anforderungen anpasst, die an ihn gestellt werden. Wenn ich beweglicher werden möchte, sollte ich mir entsprechend ein konkretes Ziel überlegen und die entsprechenden Werkzeuge nutzen, um dieses Ziel möglichst effizient zu erreichen.

Aber was ist Beweglichkeit überhaupt?

Beweglichkeit ist der Oberbegriff für Flexibilität und Mobilität. „Flexibility is a passive range of motion which is achieved using gravity or external aid, while mobility is a voluntary, self-reliant ability to move through a certain ROM.“ (Steve Maxwell)

Das individuelle Ziel macht den elementaren Unterschied aus: wenn das Ziel darin besteht, die Gelenke passiv mit Hilfe äußerer Kräfte weiter zu bewegen, bieten sich klassische Dehntechniken an. Allerdings ist niemandem damit geholfen, die Gelenke passiv bewegen zu können, da wir uns im Alltag sowie beim Sport stets aktiv und anforderungsspezifisch bewegen. Dementsprechend ist dies der entscheidende und leistungsbestimmende Faktor – die passive Beweglichkeit ist für uns Menschen nicht besonders relevant.

Die passive Beweglichkeit ist grundsätzlich immer größer als die aktive Beweglichkeit. Das Ziel eines Beweglichkeitstrainings ist in der Regel nicht die Erweiterung der passiven Beweglichkeit, sondern die Erweiterung der aktiven oder spezifischer, das Annähern der aktiven an die passive Beweglichkeit. Es geht also meistens um das Schließen einer Lücke – fehlt hier die Differenzierung, wird nicht zielspezifisch gearbeitet. Problematisch wird es, wenn aufgrund von Unwissenheit oder mangelnder Differenzierung ausschließlich an der Flexibilität gearbeitet wird, denn dies führt nicht dazu, dass sich die aktive Beweglichkeit mitentwickelt. Aktive Beweglichkeit erfordert koordinative Kontrolle, Stabilität und Kraft in allen Gelenkwinkeln, die nicht entsteht, wenn ein Gelenk über einen gewissen Zeitraum in einer Gelenkstellung verharrt. Verletzungen im Training und im Sport entstehen sehr häufig in dieser nicht kontrollierten Lücke, die sich durch ausschließliches Dehnen erweitern kann. Natürlich gibt es unterschiedliche Dehntechniken, aber keine davon lehrt den Körper die notwendigen Fähigkeiten zur Kontrolle eines Gelenks in seiner größtmöglichen Bewegungsreichweite.

Ein weiteres Problem im Bereich der Beweglichkeit ist der reine Fokus auf eine „zu wenig bewegliche“ Struktur. Im klassischen Beweglichkeitstraining werden meist Elemente wie Muskeln, Sehnen, Gelenkkapseln und Faszien adressiert, weil diese eine bestimmte Spannung aufweisen und daher nur eine eingeschränkte Beweglichkeit zulassen. Diese Elemente werden vom zentralen Nervensystem innerviert, welches die entsprechende Einstellung vorgibt und steuert. Beweglichkeit ist somit kein strukturelles Problem, sondern abhängig davon, ob dein Nervensystem einen bestimmten Bewegungsradius freigibt: „Most of the people are immobile because their nervous system doesn’t trust them in that range of motion.“ (Dr. Eric Cobb, 2010)

Daher sollte man sich die Frage stellen, ob das Ziehen an einer Struktur, die „zu viel“ Spannung aufweist, sinnvoll ist. Die immobile Struktur ist letztendlich ein Output-Ergebnis der höchsten Instanz des Organismus – unseren Nervensystems. Das Problem der immobilen Struktur versuchen wir jedoch meist auf der Ebene des Ergebnisses, statt auf der Ebene des Ursprungs zu lösen. Der (oft auftretende) Gedanke, direkt an der problematischen Struktur zu arbeiten, ist in gewissem Maße nachvollziehbar, häufig jedoch ziemlich ineffizient. Das zentrale Nervensystem (ZNS) erzeugt die Spannung aus einem gewissen Grund – das Arbeiten an der Struktur ist demnach nur eine Symptombekämpfung und keine Lösung der eigentlichen Ursache.

Wie das zentrale Nervensystem genauer funktioniert, erfahrt ihr im zweiten Teil.

Quellen:
Cobb, W. E. (2013): Certification Workbook – Z-Health R-Phase 2.0.
Cobb, W. E. (2017): Certification Workbook – Z-Health I-Phase 2.0.
Lienhard, L. (2016): Schön mal dran ziehen – ein Plädoyer für mehr Toleranz beim Dehnen. Zugriff am 01.11.2017 unter http://neuro-athletic-training.com/707-lars-lienhard-schon-mal-dran-ziehen-ein-pladoyer-fur-mehr-toleranz-beim-dehnen/.
Lienhard, L. (2016): Wie immobile Gelenke bewegungsinduzierte Verletzungen verursachen können. Zugriff am 01.11.2017 unter http://neuro-athletic-training.com/407-lars-lienhard-wie-immobile-gelenke-bewegungsinduzierte-verletzungen-verursachen-konnen/.
o.V. (2016): Survival vs. Performance. What is Neuro-Athletic-Training. Zugriff am 01.11.2017 unter http://neuro-athletic-training.com/229-229/.
Tsatsouline, P. (2001): Relax into Strech. Instant Flexibility through Mastering Muscle Tension. St. Paul: Dragon Door Publications 2001.
Tsatsouline. P. (2001). Super Joints. Russian Longevity Secrets for Pain-Free Movement, Maximum Mobility & Flexible Strengh. St. Paul: Dragon Door Publications.
Z-Health Performance Solutions DVD (2010): 9S: Strength & Suppleness Prep & Course.